Gottesdienst in der Stiftskirche zur Eröffnung der 15. Landessynode

Stiftskirche Stuttgart

Mit einem Gottesdienst in der Stuttgarter Stiftskirche begann die Konstituierende Sitzung der 15. Landessynode der Württembergischen Evangelischen Landeskirche.

„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet, und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ ( Daniel 9,18)

Die Synode empfange zu Beginn ihres sechsjährigen Weges keine aktive Zielvereinbarungs- und Durchführungsliste, so Landesbischof July in seiner Predigt. "Sie bekommt als Wegweiser ein Wort des Empfangens, des Vertrauens – ja, des sich Hingebens. Beten, Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit." Das stehe im Mittelpunkt. Das Wort des Daniel sollte
unausgesprochen über jedem neuen Antrag der Synode stehen.

Landessynodale feiern Gottesdienst in der Stiftskirche

Es gilt das gesprochene Wort.

Predigt zur Konstituierenden Sitzung der Landessynode
Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July, Stiftskirche Stuttgart
„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet, und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ ( Daniel 9,18)

Liebe Gemeinde,
vorgestern habe ich eine Schulklasse mit sogenannten verhaltensoriginellen Kindern besucht.
„Ihr dürft alles fragen“ war den Schülerinnen und Schülern gesagt worden.
Das taten sie auch. Nach den Fragen zu Dienstauto und dem „Was machst Du so eigentlich in Deinem Beruf?“, fragte plötzlich ein Junge nach dem Beten. Hin und her ging es. Wie ich versuche zu beten - was er betet, wie er
allein ist und sich freut, wenn er mit jemandem im Gebet sprechen kann. Welche Gebetshaltung normal ist: Stehen oder sitzen.
Dann war das Gespräch vorbei. Verabschiedung. Auf Wiedersehen. Und dann kam er noch einmal zu mir und fragte:Ist das auch ein Gebet, wenn ich im Bett liege, die Hände nicht falte, aber irgendwie mit ihm spreche?
Wenn ich das Wort von Daniel höre, dann sehe ich vor meinem inneren Auge, wie Menschen auf dem Boden bäuchlings ausgestreckt liegen. Sie erinnern an die Demutshaltung vor dem Herrscher, allein angewiesen auf das
aufrichtende Wort.


Etwas wehrt sich in uns gegen dieses Bild. Wir leben in einer aufgeklärten Demokratie. Keiner muss buckeln. Denn:
Gott lehrt uns den aufrechten Gang. Wir stehen oder sitzen vor ihm im Gebet. Und so klagen wir ihm zum Beispieldie Ungerechtigkeit in unserer Welt – jedenfalls so, wie wir sie identifiziert haben.
Wir lassen dabei gerne einfließen, dass wir schon gerne gerecht wären, wenn wir denn könnten und die Anderen uns nur ließen.
Und da spricht dieser Junge in der Schule darüber, wie er liegt vor Gott, nicht bäuchlings, aber im Bett und nach ihm fragt. Und da liegen manche Freunde und Verwandte von uns, hingeschüttet wie Wasser, matt, kraftlos, im
Krankenbett und fragen und beten: Ja, wir liegen vor dir mit unserem Gebet. Wir können nichts mehr vorweisen, nichts mehr zeigen, alles Gelingen unseres Lebens zerbröckelt. Herr erbarme dich.

Es gibt Momente äußerster Verdichtung in unserem Leben. In denen fällt alles ab, was wir an Übermalung, an Instrumentarium, an Künstlichkeit, an Zuschreibung, an politischem oder gesellschaftlichem Gestus mit uns
herumtragen.
„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet, und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Dieser Wochenspruch als Wort zur Eröffnung einer neuen Landessynode?
Es geht hier um das Wir des Volkes, es geht um das Wir einer Gruppe und einer Gemeinschaft. Auch einer Gemeinschaft wie der Evangelischen Landeskirche. Die Frage nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit begleitet auch
uns. Hier und heute.
Plötzlich tauchen Bilder aus der deutschen Hauptstadt auf, in denen es um Fragen der Moral, der politischen Konsequenzen, aber auch der Selbstgerechtigkeit und mancher Ratlosigkeit geht. Was gilt? - fragen manche, fürwen - und wann? Gerade der, der gestern noch als Hüter der politischen Moral galt kann tief fallen und hat plötzlich keine Freunde mehr.
Aber auch in den Kirchen ist die Selbstgefälligkeit oft groß. Man setzt auf die eigene Gerechtigkeit (oder was man dafür hält) und weniger auf die Barmherzigkeit. Auf eigene Konstruktionen und Kulturbilder, Traditionsströme und Gewohnheiten - und übersieht dabei die neuen Anfragen. Auch die Anfragen an uns selber.

Wie zeigen wir anderen Menschen, zum Beispiel denjenigen, die in anderen Lebensorientierungen, in anderen Milieus, in anderen sexuellen Vorfindlichkeiten leben, dass sie willkommen sind und gesehen werden?
Wie halten wir aber auch aus, dass wir nicht einfach gleichgültig nebeneinander her leben? Wie können wir auf guteWeise miteinander die Wahrheitsfrage des christlichen Glaubens und ihre Folgen besprechen und diskutieren?


Ein erster Schritt wäre, die Schubladen unserer Vorurteile genau zu überprüfen.
„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“
Wir sehen: Es ist ein guter Satz für eine Synode. All das wird beiseite geräumt, was es an Vorstellungen, Zielplänen, Strategien, Eitelkeiten, Hoffnungen und Befürchtungen gibt. All das, was wir als Bauchladen in Kirche und
Gesellschaft mit uns tragen Am Anfang der Synodalarbeit steht die Aufforderung: Betet! - Betet!


Im Gebet verbinden wir die Wirklichkeit unserer Welt, unserer Kirche, uns selbst mit der Wirklichkeit Gottes. Eine Synode, die betet, lebt in der Wirklichkeit dieser Welt. Sie lebt in den Fragen und Herausforderungen dieser Welt Siebleibt aber nicht dabei stehen. Diese Synode bespiegelt sich nicht selbst, sondern vertraut sich Gott an. Sie sucht nach Weisung und empfängt Hoffnung. Und sie weiß, dass sie nicht aus sich selbst und für sich selbst lebt.

Das Zweite Anfangswort:
Vertraut nicht auf die eigene Gerechtigkeit!
Auch die Mitarbeit in der Synode hat mit menschlichem Maß und menschlichen Grenzen zu tun. Auch (Ihr) synodales Tun wird vorläufig sein - und manchmal missverständlich bleiben. Auch dort, wo Sie gerecht handeln und
Gutes sagen und tun möchten, das hell nach außen strahlen soll. Manche Entscheidungen werden Sie mit dem Bewusstsein fällen, dass sie absolut richtig sind - und erst später werden die Fehler erkennbar sein.
Vertraut nicht auf die eigene Gerechtigkeit.
Das bedeutet nicht: Im eigenen Bemühen nachlassen. Das bedeutet nicht: Eigene Einsichten und Überzeugungen beiseite stellen oder nicht so ernst nehmen. Es bedeutet aber: Auch im anderen Bewusstsein, auch in der anderen Meinung etwas wahrzunehmen, was richtig sein könnte.
Vertraut nicht auf die eigene Gerechtigkeit.
Gott ist es, der seine Kirche erhält und beauftragt. Gott ist es, der die Gerechtigkeit des Lebens und die Gerechtigkeit über diese Welt herstellt. Gott ist es der aus den Fragmenten unseres Tuns, auch unseres synodalen Tuns das Große und Ganze macht.
Wir vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.

Das ist das dritte.
Wer auf die Barmherzigkeit vertraut, kann selbst barmherzig sein. Viele Menschen in unserer Gesellschaft erwarten,
dass die Kirche auch ein Leuchtfeuer der Barmherzigkeit ist.
Dass eine Kirche nach wie vor eine große Organisation ist, die in vielen Feldern Präsenz und Gegenwart zeigt, ist gut und notwendig.
Dass die Kirche versucht in ihrer eigenen Struktur und Rechtsgestalt verlässlich, gerecht und transparent zu sein, ist ebenfalls gut und notwendig. Dass Kirche öffentliche Äußerungen macht, Stellung in Diakonie, Gesellschafts- undBildungsfragen bezieht ist auch gut und notwendig.
Für viele Menschen aber ereignet sich Kirche dort, wo Menschen aufeinander hören, Zeit teilen, vor Ort Begegnungen des Lebens und des Glaubens schaffen, ja miteinander barmherzig sind. Wo es anders ist als sonst.
Deswegen sind die Empfindlichkeiten besonders groß, wenn nicht Barmherzigkeit, sondern Unbarmherzigkeitgeschieht. Dann wird der Auftrag Jesu nicht gespürt und erlebt bzw. erfahren.
Deshalb müssen wir diesen Vertrauenssatz immer wieder ansprechen und, durch-buchstabieren:
Wir vertrauen auf deine große Barmherzigkeit.
Das Buch Daniel kommt aus einer anderen Zeit. Aber es öffnet – wie einst Noah in seiner Arche – eine Luke, ein Fenster, aus dem dieses Wort heute herbeigeflogen kommt und unter uns Platz finden möchte. Es ist Zeichen der
Gegenwart Gottes – auch heute, Zeichen der Hoffnung - auch heute, Zeichen des Trostes – auch heute.
Die Synode empfängt zu Beginn ihres sechsjährigen Weges keine aktive Zielvereinbarungs- und Durchführungsliste.
Sie bekommt als Wegweiser ein Wort des Empfangens, des Vertrauens – ja, des sich Hingebens. Beten, Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Das steht im Mittelpunkt. Das Wort des Daniel sollte eigentlich
unausgesprochen über jedem neuen Antrag der Synode stehen. Deshalb ist es richtig, dass wir heute das Hl. Abendmahl miteinander feiern. Empfangende sind, Vertrauende sind, Gerechtfertigte sind.


Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.
Dies Wort habe ich übrigens auch dem Jungen gesagt – in etwas anderer Form – als wir vom Beten in der Schule sprachen.
Womit wir wieder am Anfang wären.
„Wir liegen vor dir mit unserem Gebet, und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

Amen

Die Offene Kirche auf dem Weg

Nach dem Gottesdienst begaben sich die Landessynodalen auf den Weg von der Stiftskirche in die Liederhalle. Im Hegelsaal tagte die Landessynode. Der Hospitalhof, die eigentliche Heimat der Landessynode, wird erst zur nächsten Sitzung der Landessynode im Sommer zur Verfügung stehen.